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Mali : Menschen - Kultur - Natur - Bilder
 
 

Rechts: In Mali ist dein Name ein Geschichtenerzähler...und eine Quelle kontinuierlichen "amusements" ;)


Ein malisches Kinderbuch über die Geschichte "Soundiata Keitas"...(siehe rechts)



   


Von Namen, Ahnen und dem Wetter

 

Familiennamen sind für Mali das, was für uns das Wetter ist: Eine nie versiegende Quelle interessanten Diskussionsstoffes. Bloß dass sich das Wetter wenigstens ab und zu ändert, dein Familienname aber nicht. Man muss dazu sagen, dass jeder, der hier lebt - sei er Malier oder nicht - zunächst einmal auf einen bestimmten einheimischen Namen getauft wird. Das vereinfacht enorm die Integration. Ich heiße zum Beispiel Moriba Keita. Das weiß auch so ungefähr jeder hier im Viertel. Denen, die es nicht wissen, sage ich es, weil es immer noch besser ist wenn es aus allen Ecken "Ey, Keita!" gellt, wenn ich vorbeikomme, als "Ey, Toubab!". Aber auch "Ey, Keita!" ist irgendwann anstrengend. Das ist aber nicht das Problem, von dem ich euch eigentlich berichten wollte. Viele sagen nämlich anstatt "Ey, Keita!" "Ey, Coulibaly!", obwohl sie wissen dass ich Keita heiße. Auch das ist aber nicht das Problem. Sondern das Problem ist, dass die Malier, die das sagen, DENKEN, dass sei ein Problem für mich, sie erwarten es sozusagen von mir, dass ich das als Problem sehe.

Denn es ist so, dass es hier eigentlich nur eine bestimmte und gut überschaubare Zahl von Nachnamen gibt. Coulibaly, Keita, Traoré, Touré, Maiga und schon noch einige mehr, aber eben nicht so viele. Zwischen diesen Namen bestehen nun bestimmte Verhältnisse, denn sie sind auf die verschiedenen Ethnien zurückzuführen, die in Mali siedeln. Es gibt insgesamt mehr als 30 Ethnien, wenn ich mich nicht täusche. Durch die Namen wird so auch die Geschichte Malis immer weitergetragen, die hauptsächlich die Geschichte vieler verschiedener Ethnien ist. Der Name eines Menschen ist einer der wichtigsten Bestandteile seiner Identität, denn die malische Kultur schafft es, in diesem einen Wort die Ahnenforschung über geschätzte eintausend Jahre einfach überflüssig zu machen. Er ist sozusagen deine kulturelle DNA.
Seite 1 der Erzählungen von Soundiata Keita:
"«Die Welt ist alt, doch die Zukunft entspringt der Vergangenheit.»
Lauscht den Griots∗. Sie lehren die Weisheit der Geschichte
denn das Gedächtnis der Menschen ist kurz.
Hört die Geschichte vom Sohn des Büffels, vom Sohn des Löwen,
die Geschichte von Soundiata Keita, der einer der größten Könige war,
einer der größten Männer, und dass das klare Land,
das Land der Savane, sich seines Mutes und seiner Erfolge erinnert."
∗"Griots" sind ein Stand in der malischen/westafrikanischen Gesellschaft. Sie sind Weise und halten die Geschichten der verschiedenen Namen und Ethnien durch ihre Erzählungen und Gesänge am Leben. Die meisten Griots haben sich einem Leben im Dienste der Gesellschaft verschrieben, üben keinen Beruf aus und leben von Spenden.

Die Träger bestimmter Namen, also die Angehörigen verschiedener Ethnien, haben nun auch das Recht, sich über einen bestimmten anderen Namen lustig zu machen. Da sind auch richtig derbe Scherze erlaubt, so von wegen "Du bist mein Sklave", das ist einer der häufigsten, die so gemacht werden. Ich finde das gar nicht sooo lustig, aber naja. Jedenfalls kann man sich so ein bisschen ärgern und so und im Rahmen dieser Scherze sind auch alle Hierarchien aufgehoben, die sonst überall sehr sehr, sehr wichtig sind. Sie haben auch einen Zweck diese Scherze bzw. ganz generell die Tatsache, dass man seinen Gegenüber auf die ein oder andere Weise auf die Schippe nehmen kann. Denn wenn man sich mal wirklich verkeilt und streitet, dann kann so ein unverfänglicher Scherz wieder good vibes herzaubern und alle lachen und müssen sich nicht mehr streiten. So etwas finde ich auch gut und unterstütze es auch. Aber ich unterstütze gar nicht, dass die Leute mir dann Coulibaly nachrufen und mir sozusagen den Handschuh für eine kleine Käbbelei hinwerfen. Ich finde es nämlich überhaupt nicht schlimm, wenn man mich Coulibaly nennt, aber den hiesigen Gepflogenheiten entsprechend ist das natürlich eine ganz außerordentliche Unerhörtheit und deshalb muss ich dann sagen "oh nein, Coulibaly ist schlecht" und dann sagen sie "nein nein nein, das hast du nicht verstanden, keita ist schlecht, coulibaly ist gut" und dann muss ich wieder sagen "nein nein, coulibaly ist schlecht, keita ist gut" und so weiter. Der Unterhaltungsfaktor dieser kleinen Alltagsunterhaltungen wird natürlich mit den Monaten auch immer ein bisschen kleiner, aber hey, es ist eigentlich auch gar nicht so schlimm, das Wetter hier ändert sich schließlich auch nie.

PS: Diese kleine Schlusspointe konnte ich mir einfach nicht verkneifen, dabei wollte ich dem Text gar keinen so sarkastischen Schlusstouch geben. Aber es meint ja auch eigentlich nur: Hier scheint eben die ganze Zeit die Sonne :)

 

 

           

 
 
 
   
© 2008 by Moritz Brandenburger • moritz.brandenburger@t-online.de           
Aktualisiert am 10.06.2009 - Neu sind die Rubriken "Mali in Bildern" und "das, was bleibt", Aktualisierungen gibt es in der Rubrik "Ihre Hilfe"